Die Wiener Kaffeehauskultur – Eine nostalgische Kurz-Reportage über das alte Wien

Marmortische mit roten Lederbänken, raschelnde Zeitungen und das Geräusch der dampfenden Kaffeemaschine – die Kaffeekultur wurde in Wien zu einem Lebensgefühl hocherkoren und wird seit Jahren praktiziert. Auch in der heutigen Zeit entdeckt man nach wie vor viele Altwiener Kaffeehäuser, in denen die Zeit stehen geblieben scheint. Weg vom Trubel der Einkaufsstraßen findet man in einem Café Westend oder Café Jelinek die typische Wiener Ruhe. Mit einem langgezogenen „Grüß’ Sie Gott“ wird man im Café Ritter begrüßt, die Gäste bestellen sich eine Melange, einen großen Braunen oder manche sogar einen Einspänner, natürlich mit einem Glaserl Wasser. Dazu eine der vielen hausgemachten Mehlspeisen. Wer alleine kommt, nimmt sich gleich beim Eingang eine eingespannte Zeitung mit. Das Lebensmotto: „Nur keinen Stress“, bekommt in den Wiener Kaffeehäusern eine neue Bedeutung.

„Den besonderen Flair der Kaffeehäuser findet man nur in Wien. Die abgenutzten roten Polsterbänke und Marmortische gehören da einfach dazu.“ erzählt eine ältere Dame, die gemütlich auf einer Eckbank sitzt. Vor ihr ein Glas Rotwein. Für sie war der Untergang der früheren Kaffeehaus-Atmosphäre das Aufkommen der „Nicht-Raucher-Sache“. „Der gute Geruch der Zigarren und Zigaretten hat den Cafés das besondere Etwas gegeben.“ Auf die Frage, ob sie auch geraucht hat, antwortet sie mit „Ja, das war halt früher so. Ich hab’s mir aber abgewöhnt“. Sie ist alleine hier. Wenn sie nichts zu tun hat, dann geht sie gerne in ein nahes Café. Einfach, weil dann der Tag vergeht.

Die Flucht aus den meist kleinen Wohnungen, führte damals viele Menschen in die Wiener Kaffeehäuser. Wie ein größeres Wohnzimmer, wo man Freunde treffen oder seinen Gedanken nachgehen kann. Vor allem die Künstler und Literaten trafen sich im Café Central oder im Café Griensteidl um ihre Ideen aufzuschreiben und zu verwirklichen. Nicht umsonst gibt es die Kaffeehausliteratur, die ihre Blütezeit in der Wiener Moderne hatte.

Umso deutlicher ist die stressigere Atmosphäre der Gegenwart, wo ein Kaffee oft nur als Aufputschmittel in der Mittagspause dient. „G’schwind, g’schwind einen Kaffee und dann wieder los. Das ist einfach nicht wie früher“ erzählt ein weiterer Gast im Café Ritter. „Diese modernen Cafés sind so kalt. Die g’falln mir schon von außen nicht. Ein Kaffeehaus darf alles, nur nicht modernisiert sein.“ beschwert sich der ältere Herr und bestellt sich eine Melange und einen Guglhupf. Neben ihm zwei Tageszeitungen, aufgespannt auf den charakteristischen Holzleisten.

Die Altwiener Kaffeekultur scheint noch nicht ausgestorben zu sein und ist nach wie vor ein Ort der Nostalgie. Man verbringt keine zwei Stunden, eingelullt in dem gemütlichen Trott des Kaffeehauses und fühlt sich schon zurückversetzt in eine andere Zeit. „Früher war halt alles a bisserl besser.“ rief eine Dame im Café Sperl. Und letztendlich macht diese alte Kultur, das Leben in Wien aus.

 

 

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